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Schmerztherapie: Im Team besser

Mit einer multimodalen Therapie lassen sich chronische Schmerzen am besten behandeln. Wie Patient, Ärzte und Therapeuten die Beschwerden gemeinsam angehen
von Julia Rudorf, 26.10.2017

Der Patient im Mittelpunkt: Von seiner Mitarbeit hängt der Erfolg maßgeblich ab

istock/skynesher, W&B/Jörg Neisel

Eine leere Packung Schmerztabletten war es, die Stefanie Werner (Name von der Redaktion geändert) die Augen öffnete. Ihr Mann hatte den Blister aus dem Hausmüll gefischt und gefragt, wie lange sie die Pillen schon nehme. Sie versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, wann sie zuletzt ohne Ibuprofen ausgekommen war. "Ich konn­te mich an keinen Tag ohne Medikamente erinnern. Erst da habe ich erkannt, dass ich etwas tun muss."

Seit ihrer Kindheit leidet Stefanie Werner an einer besonders starken Form von Migräne. Attacken mit Schmerzen, Übelkeit und vorübergehenden Sehstörungen gehörten für sie zum Alltag – wie auch Tabletten. Jammern dagegen nicht. "Man möchte anderen Leuten nicht ständig erzählen, wie schlecht es einem schon wieder geht", sagt die 38-Jährige.

Besser Hilfe suchen als still leiden

Selbst ihrer Familie und Ärzten gegenüber verschweigt Stefanie Werner meist ihr Leid. Erst als ihr Mann sie drängt und sie einen neuen Arzt aufsucht, erfährt sie, dass es durchaus eine Behandlungsmöglichkeit für sie gibt – die multimodale Schmerztherapie. Kurze Zeit später stellt sie sich in der Klinik vor.

Dr. Andreas Böger, Leiter der Schmerzmedizin am Rotes-Kreuz-Krankenhaus Kassel, hat viele solcher Patientenkar­rieren erlebt. Jedes Jahr werden dort 900 Menschen stationär oder tagesklinisch therapiert, mit Krankheitsbildern von Clusterkopfschmerz bis zu permanenten Gelenkschmerzen. "Im Schnitt dauert es acht Jahre, bis diese Patienten in eine schmerzmedizinische Behandlung kommen", so der Experte.

Nur jeder Fünfte wird optimal behandelt

Dieses Problem betrifft viele. Etwa 300.000 Menschen leiden in Deutschland an besonders schweren chronischen Schmerzen – also Schmerzen, die länger als ein halbes Jahr jeden Tag wiederkehren. Nur etwa jeder Fünfte wird tatsächlich multimodal therapiert, errechnete die Krankenkasse Barmer GEK im vergangenen Jahr.

Dr. Andreas Böger

W&B/Bert Bostelmann

Das liege zum einen daran, dass viele Ärzte mit Schmerzpatienten wenig Erfahrung haben, sagt Böger. Zum anderen an den Vorstellungen der Patienten: "Viele haben zwar schon unzählige Arztbesuche hinter sich, hoffen aber trotzdem, dass eine Operation ihre Probleme für immer beseitigt."

Der Mediziner und seine Kollegen sprechen mit den Betroffenen deshalb zuerst darüber, worum es sich bei chronischem Schmerz eigentlich handelt. Dauert er eine lange Zeit an, kann ein sogenanntes Schmerzgedächtnis entstehen. Gehirn, Nerven und Stoffwechsel des Patienten passen sich so an, dass bereits kleinste Reize heftige Beschwerden verursachen. Die Intensität, mit der die Betroffenen darunter leiden, ist jedoch nicht immer gleich.

Familienausflug statt Tabletten

Die multimodale Therapie erklärt das mit dem sogenannten Biopsychosozialen Schmerzmodell und geht davon aus, dass der qualvolle Dauerzustand nicht nur den Körper betrifft, sondern auch Psyche und soziales Umfeld. So können Emotionen das Empfinden verändern, zum Positiven oder zum Negativen. Wer etwa dauernd unter Stress steht, leidet möglicherweise noch mehr als sonst. Sind Patienten dagegen aktiv, unternehmen etwas mit Familie oder Freunden, ist der Schmerz für den ­­Moment weniger belastend.

Auch aufgrund dieser Erkenntnis hat sich in der Medizin die Überzeugung durchgesetzt, dass gegen den Dauerschmerz nicht eine Disziplin alleine helfen kann. Besser schlägt die Behandlung an, wenn ein Arzt, ein Physiotherapeut und ein Psychologe zusammenarbeiten. Jeder bringt unterschiedliche Ideen ein. "Da können viel besser individuelle Lösungsansätze gefunden werden", sagt Böger. Auch der Patient selbst ist Teil dieses Teams. Das Motto lautet: Alle gegen einen – nämlich den Schmerz.

Geringere Krankheitstage durch die intensive Behandlung

Dass Betroffene davon profitieren, ist gut dokumentiert. Studien mit Rückenschmerzpatienten etwa konnten zeigen, dass nach einer multimodalen Therapie rund 75 Prozent weniger Fehltage wegen starker Schmerzen anfielen und sich die Lebensqualität deutlich verbesserte.

Die vielen unterschiedlichen Bausteine machen das Therapieprogramm umfangreich, die Tage in der Klinik sind durchgetaktet: Physiotherapie, Gesprächsrunden, Bewegungsangebote, psychotherapeutische Beratung, Übungen zur Muskelentspannung. Aktivität wird großgeschrieben, passiv bleiben ist kaum möglich. Damit sollen die Patienten in die Lage versetzt werden, die Schmerzen auch nach den drei Wochen im Krankenhaus möglichst gut in den Griff zu bekommen. "So eine Therapie ist keine Auszeit, sondern eine große Chance", sagt Böger.

Individuelle Auswahl der Tabletten

Auch Medikamente spielen dabei ­eine Rolle. Vor allem, wenn Patienten bereits über lange Zeit Schmerzmittel genommen haben. Diese können nicht nur Schäden an den inneren Organen verursachen – sondern sogar zusätzliche Schmerzen. In der Klinik wird die Medikation an die individuelle Situation des Patienten angepasst. Eventuell kommen dann auch hochwirksame Schmerzmittel, sogenannte Opioide, zum Einsatz.

Vanilleeis als realistisches Ziel

Am Anfang des Krankenhausaufenthalts steht aber zunächst das Abstecken der persönlichen Ziele. Welche Hoffnungen verbindet der Patient mit der Therapie?

"Wenn jemand mit Rückenschmerzen angibt, dass er gerne mit seinen Kindern den Weg zur Eisdiele mit weniger Schmerzen schaffen möchte, dann kann das durchaus realistisch sein", erklärt Anja Handrack. An der Schmerzklinik Kassel erarbeitet die Physiotherapeutin gemeinsam mit den Ärzten ein auf jeden Patienten individuell abgestimmtes Bewegungsprogramm.

Sport statt Schonhaltung

Viele trauen sich kaum noch, sich zu bewegen. Stattdessen verharren sie in einer Schonhaltung und meiden Sport. In der Schmerzklinik dagegen werden sie zum Beispiel bei Qigong oder Tai-Chi angeleitet, auf dem Flur stehen jede Menge Fitnessgeräte bereit. Sport stärkt nicht nur die Muskeln, sondern hebt auch die Stimmung. Handrack: "Manche unserer Patienten sind nach den drei Wochen regelrecht wie aus­gewechselt."

Auch gegenüber der Psychologin Inga Bruns werden persönliche Wünsche formuliert. "Häufig geht es darum, mit der Belastung durch Arbeit oder Privatleben besser umzugehen." Denn wer sich in der Familie immer um alles kümmere, die eigene Jobsituation als ausweglos empfinde oder generell keinen Blick mehr für die schönen Seiten des Lebens habe, der werde schneller von Beschwerden eingeholt.

Schwester im Schlummermodus

Zusätzlich zu den klassischen Elementen wie Psycho- und Physiotherapie sowie Medikation lässt sich die multimodale Therapie um zusätzliche Ansatzpunkte erweitern. So haben beispielsweise viele Schmerzpatienten Probleme mit dem Einschlafen. Die Krankenschwestern in der Schmerzklinik Kassel haben deshalb Zusatzausbildungen ­absolviert, um den Betroffenen mit Akupunk­tur, Aromatherapie oder Entspannungsübungen zu helfen.

Eine Therapieform, von der Stefanie Werner besonders profitierte, war das sogenannte Biofeedback-Verfahren. Dabei wird Migräne-Patienten eine Elek­­trode auf die Schläfenarterie geklebt. Während eines Anfalls sind diese Blutgefäße oft ungewöhnlich erweitert.

Eiskalte Vorstellungskraft

Auf einem Bildschirm konnte Stefanie Werner einen farbigen Kreis sehen, der das Blutgefäß darstellt. Dann sollte sie sich vorstellen, ihre Schläfen würden sich eiskalt anfühlen – als kühle man sie mit einem Eiswürfel. Die Elektrode zeichnete auf, was daraufhin mit dem Gefäß passierte: "Das war schon unglaublich – allein der Gedanke an Kälte genügte, und die Arterie hat sich tatsächlich zusammengezogen."

Stefanie Werner hofft, dass sie mit solchen Übungen ihre Migräne bald besser bewältigen kann – auch nach dem Ende der Therapie. Aus dem ganzen Klinikteam wird Stefanie Werner dann nämlich nur noch von einer Person unterstützt – ihr selbst. "Ich bin mir aber fast sicher, dass ich die Schmerzen in Zukunft auch alleine in den Griff bekomme."



Bildnachweis: W&B/Bert Bostelmann, istock/skynesher, W&B/Jörg Neisel

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