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Sind Selbstgespräche normal?

Muss man sich Sorgen machen, wenn Erwachsene mit sich selbst reden? Nein, sagen Experten. Selbstgespräche können sogar gesund sein. Und das können Sie trainieren
von Annett Zündorf / HausArzt-PatientenMagazin, aktualisiert am 14.11.2017

Unterschätzte Selbstgespräche: Schon kurze Sätze helfen, Gedanken zu sortieren

Masterfile

"Willst du das wirklich tun?", fragt die Frau ihr Spiegelbild. Dann sagt sie: "Du schaffst das" und verlässt die Wohnung – eine typische Filmszene. Darsteller führen dauernd Selbstgespräche, feuern sich selbst an oder klopfen sich verbal auf die Schulter – nicht zuletzt, um die Zuschauer über die Figur zu informieren. Im richtigen Leben finden es die meisten Menschen dagegen seltsam, wenn jemand mit sich selbst spricht. "Der ist ein bisschen eigen", lautet das Urteil – oder gar: "Der ist verrückt." Dabei sind Selbstgespräche nicht nur normal, sondern sogar ein sinnvolles Denkwerkzeug, das wir viel öfter benutzen sollten.

Im Selbstgespräch formen sich Ideen

Kleine Kinder machen es uns vor. Sie reden, singen und murmeln ständig vor sich hin. Intuitiv bündeln sie auf diese Weise ihre Aufmerksamkeit, sortieren Gedanken und Geschehnisse. Versuche amerikanischer Psychologen zeigten, dass Kinder, die mit sich selbst sprachen, knifflige Aufgaben besser ­lösen konnten als jene, die dabei nicht reden durften.

Das Selbstgespräch hilft auch im Erwachsenenalter: Der Bamberger Psychologie-Professor Dietrich Dörner ließ Studenten Fahrradhalter entwerfen und bauen und beobachtete sie ­dabei per Video. Ein Teil der Studenten sollte sich still verhalten, ein Teil vor sich hin reden. Besonders gut und schnell konstruierten jene, die sich ständig fragten: "Soll ich das so oder lieber so machen? Kann das funktio­nieren?"

"Wenn ich ein Problem habe, hilft Formulieren", erklärt Dörner. Das kann im Selbstgespräch oder mit Kritzeleien passieren. "So entsteht eine Art Ideenbrei, neues Denkmaterial wird geschaffen. Aus unscharfen Gedanken und Bildern lässt sich das Problem nun strukturieren und lösen." Auch Konflikte mit den Nachbarn oder den Kindern kann man auf diese Weise von außen betrachten.

Selbstgespräche motivieren oder beruhigen

Doch damit sind die Möglichkeiten des Selbstgesprächs noch nicht ausgeschöpft. Der Leistungssport profitiert davon seit ­vielen Jahren. Die Sportpsychologin ­Dorothee Alfermann, Professorin an der Hochschule Leipzig, erläutert: "Worte motivieren, beruhigen oder aktivieren." So wie sich Sportler vor einem Wettkampf mit einem leisen "Du schaffst das", "Renn", anfeuern, können andere Menschen sich mit dieser Methode vor Prüfungen und Bewerbungsgesprächen selbst unterstützen. Demotivation ist ­übrigens auch möglich. Wer sich selbst als Trottel beschimpft und sagt: "Das hat doch keinen Zweck", wird schnell auf­geben.

Das Selbstgespräch eignet sich zudem, berichtet Alfermann, um die Kontrolle über belastende Situa­tionen zu erlangen. "Wenn ich im Stau stehe, sage ich mir, dass ich ruhig bleibe und es bestimmt bald weitergeht."

An der Grenze zwischen normal und krankhaft

Mit dem Monologisieren bei psychischen Störungen haben solche Selbstgespräche nichts zu tun. Ein Warnzeichen wäre es jedoch, wenn Menschen nicht mit sich selbst kommunizieren, sondern mit anderen: mit Verstorbenen zum Beispiel oder mit Stimmen, die sie in ihrem Kopf hören. Solche Zustände können unter anderem bei Schizophrenie, bestimmten Depressionsformen oder im Drogenrausch auftreten. Außenstehende bemerken bei Betroffenen manchmal, dass sie ständig die gleichen Sätze wiederholen oder grundlos in der Öffentlichkeit laut schimpfen, etwa in der U-Bahn.

Reden und dabei Fingerfertigkeit verbessern

Gesunde können Selbstgespräche dagegen gezielt für sich nutzen. Besonders gut lassen sich damit Fertigkeiten erlernen. Will ein Eiskunstläufer einen neuen Sprung in seine Kür einbauen, wird er sich am Anfang immer wieder sagen: "Lauf, spring, dreh, runter." Diese strukturierten Selbstanweisungen gehen in Fleisch und Blut über. Dann lassen sich mit "Knie hoch, Schultern runter" die Abläufe verfeinern. Die Technik eignet sich fast überall, beispielsweise auch für neue Abläufe im Betrieb, die Hand­­habung eines Geräts oder das Erlernen eines Musikinstruments. 

Erfolgsstrategien für ein gesundes Selbstgespräch

Selbstgespräche sind auch Gedächtnistraining

"Gerade Ältere sollten regelmäßig mit sich selbst sprechen", empfiehlt Dörner. Wenn sie allein leben, reden sie seltener mit anderen Menschen, und ihr Kurzzeitgedächtnis lässt nach. Dagegen können sie sich besser konzentrieren, wenn sie ihre Gedanken laut aussprechen. Wer zum Beispiel vor sich hin sagt, dass er jetzt Butter holt, wird nicht in den Kühlschrank starren und sich fragen, was er eigentlich dort wollte. Das hilft, im Kopf fit zu bleiben.   

Alfermann rät in schwierigen Situa­tionen, etwa beim Fahrkartenkauf an einem unbekannten Automaten, zum Selbstgespräch, um besser zurechtzukommen. "Diese Methode nützt natürlich auch jüngeren Leuten", sagt sie. Allgemein lautet die Empfehlung, öfter den Mund aufzumachen und loszureden. Vor allem laute Selbstgespräche fördern die Leistung. Sie sind dem inneren Monolog überlegen. Üben Sie einfach, Gedanken in Worte zu fassen, und probieren Sie aus, welche Sie besonders motivieren.



Bildnachweis: Masterfile

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